Die demokratische Geschichte der Bundesrepublik erwacht 1949 schläfrig aus einem Alptraum. Nachdem der deutsche Bürger demagogisiert und manipuliert wurde, übergab man uns das politische Gastgeschenk Demokratie. In Gedenken an das erste Demokratiedesaster Weimarer Republik, war berechtigte Skepsis erlaubt.
Wie das mit Gastgeschenken so ist, weiß man erst nix damit anzufangen – man hat es sich ja nicht direkt gewünscht – und stellt es konsequent erstmal irgendwo hin, wo es keinen stört. Aber in der Lage zu meckern ist Gastgeber Deutschland nicht. Deutscher Ur-Satz: Das wird schon werden. Der Wähler im Fokus.
Hach und wie es wurde. Wahlen fürs Volk. Nach Platon belohnt das demokratische System den ‚gut Gesinnten‘, der das Volk wegweisend in blühende Landschaften führt. Zu wörtlich nahm man es nach 1949 und ließ sich als Wähler-Typ, Format konservativ, von Wahlkampf-Slogans wie „Ein kluger Mann regiert den Staat […] geschätzt für seinen weisen Rat" in der Adenauer-Ära beeindrucken. Der potenzielle Wähler dargestellt als Schlafmütze, bettlägerig, der im Vertrauen auf die Politik derer, die es besser können, die Verantwortung mit dem Kreuz an der richtigen Stelle abgibt. Hoffnungsträger, Retter und christlich-demokratischer Superman in einer Person vereint. Damals, es war so einfach. Ein bisschen schwarz-rot, ein bisschen naiv – aber nett anzuschauen. Wenig Inhalt, dafür viel farbenfrohe Untermalung. Welche Kompetenz man dem Wähler zutraut: wenig.
Es ist demnach nicht die abgemühte Frage wie wir die Politik betrachten, es lohnt sich durchaus ein Blick in die entgegengesetzte Richtung: Wie sehen ‚Wir-Wahlvolk‘ eigentlich vom anderen Ufer betrachtet aus? Der Weg der Parteien in unser politisches Aufnahmezentrum führt über viele Gabelungen. Welche sie dabei verfolgen, zeigt oft ein unliebsames Spiegelbild von uns. Verzerrungen inbegriffen.
Vom Lenker zum Lenkrad
Wir wagen den Sprung zur neuen Wähler-Mobilmachung: Sensibilisierung für gesellschaftliche Themen. Weg von Bangemachen und Ultimatum stellen (Wir oder das böse Erwachen in roten Strampelanzügen). Hin zu Aufklärungsarbeit, veranschaulicht an einem schönen Beispiel. Die Grünen glänzten in ihrem ersten Wahlwerbespot mit folgendem Dialog:
„Opa, warum sind die Fische tot?"
„Weil die Industrie das Rheinwasser vergiftet hat"
Man mag über die Naivität schmunzeln, aber effektiv war es. Ob Turnschuh, Dosenpfand oder Atomausstieg. Wir betrachten das Thema Umweltschutz als einen für unsere Stimmverteilung entscheidenden Faktor, sofern man den Umfragen Glauben schenken mag. Schließlich würde heute ja kaum jemand den gelangweilten Call-Center Agenten gegenüber zugeben, dass er den Müll heimlich nicht trennt, weil er es für albern hält Joghurt-Deckel abzuspülen. Wir mögen grün. Es erinnert uns an unseren Ur-Instinkt in Einklang mit der Umwelt zu leben und sie nicht als selbstverständlich wahrzunehmen – vielleicht auch Dank Partei-Aufklärungsarbeit.
Das Konzept hat funktioniert. Entscheidung bitte in Zukunft auf Fakten und Abwägungen stützen. Es stellt uns vor die Alternative: Gut-Bürger oder Schlecht-Bürger. Indirekt sagt es uns: Bis vor kurzem bist du ein Unwissender gewesen, gedankenlos. Ab heute hast du die Wahl: weitere tote Fische am Rheinufer oder frischen? Alle, die tote Fische und verdreckte Seen gut finden, bitte nach vorne treten. Von sich aus, hätte Durchschnitts-Schlafmütze den toten Fisch am Ufer nicht wahr genommen – oder vielleicht erst viel später. Neben investigativen Elementen, der sich die Politik bedient, folgen wir weiteren Eckpfeilern der vermeintlichen Meinungsbildung.
Vom ihr zum wir
Nachdem “Du sind Deutschland” für die Fußball-WM als Motto verblasen wurde, muss heute ein „Wir haben die Kraft", „Deutschland kann es besser“ oder „Unser Land kann mehr" ausreichen. Wir lösen uns auf in dem Gemeinschaftsgefühl, wie Zucker im Tee. So meint man. Macht uns weniger eigenverantwortlich- vor allem nicht mitverantwortlich. Lauthals haben wir zur Fußball-WM begeistert bei der Nationalhymne mitgesungen, jedoch senken wir unbeteiligt den Kopf, wenn uns auf dem Wahlplakat am Straßenrand ein alternder Kopf auftaucht, gute frisiert mit Sonntagslächeln. Ich fühle mich ganz Un-Wir beim Vorbeigehen (nicht autofahrend, habe ja ökologisches Bewusstsein) und fremdel. Da hilft auch kein schwarz, rot, gold fett gedrucktes WIR. Ich bin nicht schwarz-rot-gold, und das ‚wir‘ beschränkt sich auf Familie, Partnerschaft und Freundeskreis. Vielmehr enttarnen wir emotional ausgerichtete Politkumpelei als Stimmfischerei. Glauben Sie mir, lieber Wahlkampfstratege. Wir mögen das nicht. Es ist uns zu leichtfüßig, wir mögen es lieber gehaltvoll, denn dann fühlen wir uns ernst genommen.
Die Wähler-Imitation
Parteien obliegt heute die Pflicht, die individuellen Bedürfnisse der Wähler zu kennen. Fernab von Beschäftigungsstatus, Geschlecht und Einkommen, rücken sie zu Wahlkampfzeiten nahe an uns heran. Was den Bürger bewegt, bewegt die Partei. Web 2.0 ist damit ideale Kommunikationsplattform. Immer up-to-date, ausgerichtet auf die jungen Wähler und dem Anschein nach nahe am Puls der Zeit. Wir lieben es im Internet anderen zuzulesen, was sie sind und wann sie wo sind. Profilierung über das eigene Profil. Und weil es so viele andere mit (oder auch mal ohne) Profil gibt, frönen wir unserer Neugier. Gibt es Gemeinsamkeiten, Verbindlichkeiten. Ein Blick hinter die Fassade, so ganz persönlich und intim. Parteien reagieren dementsprechend. Hätte uns das bei Adenauer noch sauer aufgestoßen, verwendet bereits Willy Brandt im Wahlspot das Bild der Familienidylle, angelnd mit Sohnemann auf dem klaren See, nach erfolgreich absolvierten Kaffeetrinken mit der kompletten Familie. Heute reicht das nicht mehr. Aufbereitete Klischees wirken abgedroschen und inszeniert. Man glaubt es verstanden zu haben und setzt auf subtile Mittel. Neben staatsfraulicher Unnahbarkeit, betont man die weibliche Angela. Unaufdringliche Fotos der Kanzlerin im Urlaub, beim Blumenbinden, beim Kochen etc. Unerträglich.
Dann lieber angelnd auf dem See. Noch absurder wird es, wenn wir uns auf dem Internetauftritt der Kanzlerin umsehen, lesen und hören. Ein Steckbrief mit Angelas liebsten Freizeitaktivitäten, Spazierengehen, ins Grüne fahren und Gartenarbeit wirkt gegenüber Steinmeiers Blog-Offensive fast stiefmütterlich. Im Steinmeier-Blog lesen wir Privates wie, „Heute leider den Krimi verpasst“. Weitere Softeinlagen:
„Bei meinen langen Autofahrten stelle ich mir manchmal vor,
wie unser Land aussähe, wenn wir keinen sozialdemokratischen
Minister wie Olaf Scholz hätten. Mit ihm zusammen habe ich das
Kurzarbeitergeld verlängert, wir haben …"etc.
Wir lernen, dass er
a) fleißig und wichtig, weil er viel reist,
b) romantisch, weil er sich „Dinge vorstellt",
c) loyal, da er zu den Kompetenzen seines Teams steht und den Leser nicht im Unklaren darüber lässt, wie supi die das alle zusammen bei der SPD meistern,
d) bescheiden,
e) offen und intim ist.
Wenn Sie ebenfalls an dieser Stelle das dringende Bedürfnis haben den Bildschirm ihres Laptops mit einem Tuch abzuwischen, weil der graue Schleier der Banalität ihr objektives Sehvermögen behindert, haben Sie mein vollstes Verständnis.
Alle Register werden am 7. August 2009 gezogen „Ich komme selbst aus sogenannten kleinen Verhältnissen. Ich weiß, wie es da zugeht. Und wo der Schuh drückt."I gitt. Klingt, wie Opas Geschichten aus dem Krieg, wie eine verschwörerische Gemeinschaft von Eingeweihten aus kleinen Verhältnissen. Warum nicht gleich Dorfgemeinschaft, Fußball-Verein und Schützenfest. Was genau heißt das? Übersetzt heißt es doch: Lieber Parteigenosse, denke nicht, dass du mit mir einen abgehobenen Anzugträger wählst. Vertrau mir, wir kämpfen Seite an Seite. Milieu an Milieu. Politisches Emotionsmanagement nennt man das auf der anderen Seite.
Ich hoffe für Herrn Steinmeier, dass genügend Wähler ebenfalls aus undefinierten ‚kleinen Verhältnissen‘ stammen. Die wissen dann schon, wenn sie gemeint sind. Der drückende Schuh ist ein Bild, an das sich zu gewöhnen ebenfalls schwer fällt. Nicht zuletzt, weil Frau Merkel es ebenfalls auf ihrer Internetseite unter dem Punkt ‚Werte‘ verwendet. Was ist dieser Schuh genau? Wessen Fuß ist zu klein und wer hat sich eine Blase gelaufen? Ich fühle mich ver-schuht und sehr bedrückt. Barfuß wäre jetzt schön. Und Bares auch. Ich mag keine Blumenbindende-Kanzlerin, keinen Krimi-Guckenden Herausforderer mit Blog-Attitüden. Ich bilde mir ein Urteil, aufgrund von Geschmack. Ich mag keine Blumenbindende-Kanzlerin, keinen Krimi-Guckenden Herausforderer mit Blog-Attitüden. Anstrengend.
Spieglein, Spieglein an der Wand: Warum geht keiner wählen in diesem Land?
Der Spiegel zeigt folgendes Bild: Wir lassen uns gerne bitten und umschmeicheln. Man will ja schließlich was von uns, und wir ganz der kritische Käufer und Kunde möchten die Rund-um-Service-Leistung, am liebsten mit Vier-Jahres-Garantie. Von der Abgabe der Verantwortung, über Aufklärung, hin zum Dienstleister Kandidat. Wie ihr wollt. Wir haben die Schlafmütze herunter gerissen und sitzen nun schnipsend in der ersten Reihe, um zu fragen, was uns schon immer auf der Seele lag. Vielleicht auch nur des Aktes selbst willens. Wir beteiligen uns. Wir haben uns gegenüber den 50er Jahren emanzipiert und beschaffen Informationen, Hintergründe und vieles mehr. Wir haben so viele Optionen, und die möchten wir bitte alle verglichen haben. Denn wir möchten RICHTIG wählen. Deswegen verlangen wir Analysen von Experten, die schon mal vorfiltern, was in den nächsten vier Jahren wichtig sein wird und was nicht. Wir möchten Tendenzen, Umfrageergebnisse und Moderatoren, die aufgeweckt und informiert genug sind, die fiesen Fragen zu stellen. Das Mehr an Informationen, bringt auch mehr Irritationen und Wesentliches wird in kleinste Teilchen zerlegt. Man ist ganz erschöpft, vielleicht sogar zu erschöpft, um dann letztendlich den Gang zur Wahlurne zu bestreiten.
Im Endeffekt nimmt Politik im Wahlkampf nur das sich verflüchtigende Element der unstillbaren Neugier des Augenblicks auf. Denn, ob wir nach Sättigung wählen gehen, steht auf einem anderen Blatt. Wir essen uns bereits vor dem eigentlichen Dinner satt. Macht eh mehr Spaß. Der Haupt(-wahl)gang wirkt, wie der zweite Kloß auf dem Teller. Zu viel ist zu viel.
Wissende Wahlkampfleiter wissen, dass nach der Wahl das Wählerinteresse die grotesken Züge des Dr. Jekyll und Mr. Hyde annimmt. Das eben Gewählte wird, wenn überhaupt wahrgenommen, kritisch beäugt. Wir sind nie zufrieden. Aber das Ritual Wahlkampf wird stets zelebriert. So sei es.
Text von Ann-Katrin Pahlmann




